Car2go, DriveNow & Co. – Crashs unter Zeitdruck?

23 Stunden – so lange stehen Autos durchschnittlich am Tag. Da macht Teilen auf jeden Fall Sinn. Die Autokonzerne Daimler und BMW haben vor Jahren die Car-Sharing-Dienste Car2Go und DriveNow ins Leben gerufen. Die Autos lassen sich per App mieten und in vielen Teilen Hamburgs abstellen. Das System nennt sich deshalb auch „Free Float Carsharing“. Andere Carsharing-Anbieter in Hamburg sind

  • Cambio
  • Flinkster 
  • Greenwheels 
  • Hertz   24/7 
  • Miles (vorher Drive by)
  • Oply 
  • Share a Starcar
  • Ubeequo 
  • Sixt Share

Car2Go ist 2011 in Hamburg gestartet, DriveNow im November 2013. Mittlerweile haben Daimler und BMW angekündigt, ihre Car-Sharing-Aktivitäten zu verschmelzen.

Nach eigenen Angaben hatte Car2Go im Juli 2018 rund 200.000 Kunden. In einer Pressemitteilung heißt es: „Bereits 72 Millionen Kilometer haben die car2go Kunden mit den 800 zur Verfügung stehenden Fahrzeugen in der Hansestadt zurückgelegt.“ Bei DriveNow sind es rund 600 verfügbare Autos.

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Free-Float-Carsharing-Fahrzeuge

Abgerechnet wird in der Regel nach Minute (es sind auch Stundenpakete verfügbar) – und das ist ein Problem. Denn wer nach Zeit bezahlt, hat einen großen Ansporn, schnell ans Ziel zu kommen.

Nicht immer geht das gut.

Quelle: Mopo.de

Statistisch nicht erfasst

Aus der Polizei-Statistik lässt sich nicht direkt herauslesen, ob es sich bei einem Unfallbeteiligten um ein Car-Sharing-Auto handelt. Aber es gibt eine Spur: Zu Beginn hatten fast alle Car2Go-Autos ein Berliner Kennzeichen, die DriveNow-Fahrzeuge waren fast allesamt in München gemeldet.

Viele B- und M-Kennzeichen – das heißt im Umkehrschluß natürlich nicht, dass alle Autos mit Münchner Kennzeichen zu DriveNow und alle Berliner zu Car2Go gehöhren. Viele Sixt-Mietwagen sind in München gemeldet – und dann gibt es ja auch noch die „echten“ Münchner und Berliner, die mit ihrem Auto nach Hamburg kommen…

Und dennoch steigt die Unfallkurve für beide Kennzeichen an:

Grafik zeigt Unfälle mit B- und M-Kennzeichen, die als „Beteiligter 1“ (mutmaßl. Unfallverursacher) von der Polizei registriert wurden

Seit 2013/2014 gehen die Zahlen nach oben, haben sich teilweise fast verdoppelt. Im Jahr 2017 waren es 1.723 Unfälle, im Jahr 2018 (Jan-Nov) 1.678 Unfälle.

Bei den Unfällen mit Berliner Kennzeichen kommt nach 2017 ein Knick. Das könnte daran liegen, dass fast alle neuen Car2go-Autos ein Hamburger Kennzeichen bekommen haben und die „Berliner“ Car2gos weniger werden.

Auf Anfrage teil Share Now mit: „Es hab eine Umstellung von HH-GO zu B-GO […]. Im letzten Jahr wurden die Kennzeichen wieder mit HH-GO zugelassen. Daher sind derzeit beide Kennzeichen in der Flotte. Aktuell erfolgen die neustens Einflottungen mit dem Kennzeichen HH-SN.“

Unfallschwerpunkte

Auch die Analyse der Geodaten zeigt, dass sich die meisten Unfälle mit B- und M-Kennzeichen in dem Geschäftsgebiet der Carsharing-Firmen ereignen. In der Grafik unten sind die Unfälle mit auf das Car2go-Geschäftsgebiet geplottet. Das DriveNow-Gebiet weicht teilweise davon ab. Carsharing-Nutzer können mit den Autos außerhalb der Geschäftsgebiete fahren, können die Miete aber nur innerhalb beenden.

Was bedeutet das?

Fahren Free-Float-Fahrer*innen schneller und gefährlicher? Das ist schwer zu bestimmen.

Laut Kraftfahrtbundesamt waren zum 1.1.2018 genau 783.255 PKW in Hamburg gemeldet. Im gleichen Jahr gab es 25.493 Unfälle von PKW mit Hamburger Kennzeichen (Beteiligter 1). Das ergibt eine Unfallquote von 3,25 Prozent.

Im Jahr 2018 (Jan-Nov) gab es 1.678 Unfälle mit B- und M-Kennzeichen. Bei 1.400 Car2go- und DriveNow-Fahrzeugen ergibt sich eine Unfallquote von 120 Prozent.

Da es auch andere PKW mit B- und M-Kennzeichen in Hamburg gibt, lässt sich der Wert nicht direkt auf die Free-Float-Carsharing-Flotte übertragen. Aber selbst wenn man annimmt, dass es zehn mal so viele Autos mit den B- und M-Kennzeichen im Hamburg gibt (bzw. Touristen damit in die Stadt kommen), ist die Unfallquote immer ncoh dreimal höher als von PKW mit Hamburger Kennzeichen.

Share Now teilt auf Anfrage dazu mit: „Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sich die Schadenshäufigkeit in Relation zur Anzahl der Fahrten in einem ähnlichen Rahmen wie bei privaten Pkw-Nutzern bewegt. Dazu kommt, dass es sich in der überwiegenden Zahl um Bagatellschäden handelt.“

Umstellung auf Kilometer-Abrechnung?

„In Relation zur Anzahl der Fahrten“ – das ist ein wichtiger Punkt. Während viele Privatautos durchschnittlich nur 1 bis 2 Stunden am Tag bewegt werden, legen Car-Sharing-Fahrzeuge oft mehr Kilometer zurück. Mit DriveNow-Fahrzeugen wurden seit Einführung des Angebots rund 43 Millionen Kilometer zurückgelegt. Bei car2go sind es rund 93 Millionen.  

Eine Beispielrechnung:
93.000.000 Kilometer / 9 (Jahre seit 2011) / 365 (Tage) / 800 (Fahrzeuge) ergibt rund 35 Kilometer am Tag – egal ob Werk- oder Wochentage.

Fazit: Es lässt sich nicht abschließend feststellen, ob Free-Floating-Carsharing-Fahrzeuge pro geleistete Kilometer im Jahr häufiger in einen Unfall verwickelt sind als „normale“ Privatfahrtzeuge. Doch selbst dann bieten die Minutenabrechnungen einen falschen Anreiz – möglicherweise könnte eine Abrechnung pro gefahrenen Kilometern (so wie beim Konkurrenten Miles) zumindest einige Unfälle verhindern.

Hier krachte ein Car-Sharing-Fahrzeug (fast) in einen Bahrenfelder Baum.